Claudette Williams ist mit dem Fachkräfteaustausch der Vereinten Evangelischen Mission von Südafrika in die Eifel gekommen. Seit Juli arbeitet sie in der Evangelischen Kirchengemeinde Monschauer Land . Im Gepäck hat sie eine ordentliche Portion Gottvertrauen – und viel Humor.
Es regnet in Strömen. Über der Eifel hängen dunkle Wolken und in dem kleinen Ort Roetgen haben sich schon große Pfützen gebildet. Claudette Williams zieht ihren dicken, blauen Wollpullover etwas enger um ihre Schultern. „Es ist so kalt in diesem Land“, sagt sie, „und es regnet immer.“ Sie schüttelt sich ein bisschen. Aber dann zieht auf ihr Gesicht dieses fröhliche Lachen. Es fängt bei ihren Augen an, wandert zum Mund und dann lacht ihr ganzer Körper mit. „Aber die bunten Farben im Herbst liebe ich“, sagt sie dann. Und schon sind Regen und Wind, die um die evangelische Kirche in Roetgen fegen, vergessen.
Für mindestens drei Jahre in der Eifel
Claudette Williams macht es sich in der Kirchenbank gemütlich, lacht und beginnt zu erzählen. „Ich habe meine Geschichte in den letzten Wochen oft erzählt“, sagt sie. Viele haben gefragt – nach ihrer Heimat in Kapstadt, nach ihrer Familie, nach ihrem charmanten Afrikaans-Akzent. Die 46-Jährige lebt seit Januar in der Eifel. Im Juli hat die Evangelische Kirchengemeinde Monschauer Land die Südafrikanerin offiziell als neue Pfarrerin eingeführt. Für mindestens drei Jahre wird Claudette Williams im Rahmen des Fachkräfteaustauschs der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) in der Eifel als Pfarrerin arbeiten. Es ist eine von derzeit zwei Stellen in der Evangelische Kirche im Rheinland.
Mehr über den Personaltausch der VEM
„So langweilig darf Kirche nicht sein“
„Ich bin überzeugt, dass Gott einen Plan hat“, sagt Claudette Williams, „für mich, aber auch für die Menschen in meiner alten Gemeinde und hier in Roetgen.“ Dieses tiefe Gottvertrauen hat sie als Kind erlebt, wenn ihr Großmutter aus ihrem Leben erzählte. Als Mädchen ging sie in die „Sunday School“, dann in den „Youth Club“ in ihrer Heimat in Kapstadt. Dort seien alle ihre Freunde gewesen. „Außerdem war Gott damals schon wichtig für mich“, erinnert sie sich heute. Und dann kam jener Sonntagmorgen, an dem sie gemeinsam mit ihren Eltern als junge Frau in der Kirchenbank saß und versuchte, der Predigt eines Pfarrers zu folgen. „Und ich dachte: So langweilig darf Kirche nicht sein. Wir müssen das besser machen“, erzählt sie.
Herausforderungen als Schwarze Frau an der Uni
Danach bewarb sie sich an der Universität und studierte Theologie. „Ich wollte selbst predigen“, sagt sie. Lebendig, mit Humor und Temperament: So wünschte sie sich die Verkündigung. Das erste Jahr ihres Studiums verbrachte sie an der „Western Cape Universität“ in Kapstadt. „Das war toll“, erinnert sie sich. Dann wechselte sie nach Stellenbosch. Und dort traf sie auf Studierende aller Hautfarben. „Das war völlig neu für mich. Ich habe zum ersten Mal mit weißen Menschen gesprochen“, erzählt Claudette Williams. Plötzlich begann Hautfarbe in den Fragestellungen ihres akademischen Alltags eine Rolle zu spielen. Die weißen Dozenten sprachen über weiße Theologen und weiße Geschichte. „Das war schwer für mich. Aber ich habe mich an Gott gewendet und das hat mich stark gemacht“, erzählt sie. Hinzu kam: Sie war die einzige Frau im Studiengang. Aber Claudette Williams schaffte ihren Abschluss mit der Note „Sehr gut“ und landete auf der Liste möglicher Vikare und Vikarinnen der „Uniting Reform Church in Southern Africa“.
„Ich darf mich mit meinem Frauen-Herz um die Menschen kümmern“
Dort entdeckte sie eine Gemeinde aus Kimberley, rief sie an und stellte sie als Pfarrerin ein – 1000 Kilometer entfern von Familie und Freunden. „In meiner ersten Stelle dachte ich: Ich arbeite einfach wie ein Mann arbeiten würde“, erzählt sie. Denn auch für die Gemeinde war es neu, auf eine Pfarrerin zu treffen. Aber Claudette Williams erkannte: „Es ist völlig ok, wenn ich auf der Kanzel weine. Ich darf lustig sein und Witze machen. Und ich darf mich mit meinem Frauen-Herz um die Menschen kümmern.“ Sie erlebte volle Kirchen, übersprudelnde Atmosphäre im Gottesdienst, Jubel und Gesang. Sie gründete eine junge Band und brachte „Praise and Worship“ in die Gemeinde.
Etwas von der Welt zu sehen, war bereichernd
Claudette Williams blieb zehn Jahre in Kimberley, wechselte nach George und machte dann ihren Master. „Damals lernte ich die VEM kennen“, erinnert sie sich. Der Diakonie-Studiengang der VEM sorgte dafür, dass sie 2017 zum ersten Mal im Flugzeug nach Deutschland saß. „Das war toll. Ich begann, etwas von der Welt zu sehen“, sagt Claudette Williams, „und es hat mir für meine Arbeit als Pfarrerin wirklich geholfen.“ Nach ihrer Rückkehr nahm sie eine Stelle bei der kirchlichen Organisation Christian Dependency Ministry (Christliche Suchthilfe) an. Die Finanzierung ihrer Arbeit stand aber jeden Monat neu auf wackeligen Füßen. Es gab Wochen, da wurde ihr kein Gehalt ausgezahlt. „Ich habe gebetet und Gott gefragt: Was soll ich machen?“ Und dann fiel ihr die Ausschreibung der VEM für die Stelle in der Eifel in die Hände. Claudette Williams lacht wieder dieses offene, ehrliche Lachen. „Hier bin ich“, sagt sie dann.

Weltweite Ökumene ist kein neues Thema in Roetgen
In der Eifel traf sie auf eine Gemeinde, die auf sie gewartet hatte: „Wir hier finden: Der Blick über den Tellerrand ergibt Sinn“, sagt Volker Böhm, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Monschauer Land. Dort ist die weltweite Ökumene kein neues Thema. Böhm war selbst als junger Mann in einer Gemeinde in Tansania im Einsatz, es gibt eine trilaterale Partnerschaft mit Indonesien und Tansania und auch gute Kontakte innerhalb Europas. „Wir merken einfach: Es ist gut, mit Menschen im Gespräch zu sein, die Kirche und Gemeinde ganz anders kennen. Es schärft auch den Blick für die eigene Kirche und die eigenen Strukturen“, sagt Böhm. Und der Blick über den Tellerrand mache ihm auch Mut: „Es gibt mir Hoffnung, dass die weltweite Kirche wächst“, sagt der Pfarrer.
Eine Frau im Pfarramt tut der Gemeinde gut
Also zögerte die Kirchengemeinde in der Eifel nicht lange und brachte sich für den Fachkräfteaustausch ins Spiel. Man pflege ohnehin gute Kontakte zur VEM und habe auch die Programme und Möglichkeiten im Blick. „Und es war auch kein Zufall, dass wir uns für Claudette entschieden haben“, sagt Volker Böhm. Nicht nur, dass Claudette Williams eine wunderbare Art mitbringe, auf die Menschen zuzugehen. „Sie passt auch als reformierte Pfarrerin zu uns ins Rheinland“, findet Pfarrer Böhm. Nicht zuletzt tue auch eine Frau im Pfarramt der Gemeinde gut. „Ob im Konfirmandenunterricht oder im Frauenkreis: Claudette Williams hat als Afrikanerin und als Frau ganz andere Anknüpfungspunkte als der Kollege und ich“, hat Böhm entdeckt, „das ist sehr erfrischend.“
„Hier fühle ich mich sicher“
Claudette Williams singt inzwischen im Chor der Gemeinde. „Obwohl ich gar nicht singen kann“, erzählt sie lachend. Aber es sei so wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – auf Deutsch. Sie besucht die Frauenhilfe und kürzlich nahm sie am Seniorenfrühstück am Samstagmorgen teil. Konfirmandenunterricht und Seniorenarbeit: „Ich mag die Menschen“, sagt die 46-Jährige. Sie sei so freundlich empfangen worden. Und ihren Verwandten in Südafrika, die fest davon ausgegangen waren, dass die Deutschen kalt und humorlos sind, hat sie während ihres Urlaubs im September bereits eine neue Perspektive eröffnet – für die Menschen und die Eifel. „Es ist wunderschön hier“, sagt Claudette Williams, „vor allem dann, wenn es nicht gerade schneit oder regnet.“ Dann spaziert die Pfarrerin durch die Wälder und genießt ihre Freiheit. „Was ich dabei fühle, kann man nur verstehen, wenn man in Kapstadt aufgewachsen ist“, sagt sie. Freiheit und Sicherheit seien für sie nie selbstverständlich gewesen. Als Frau in Kapstadt alleine oder im Dunkeln auf die Straße zu gehen, sei nicht möglich. „Hier fühle ich mich sicher.“
Vertrauen auf Gott in dunklen Stunden
Diese Eindrücke prägen sie. „Und ich hoffe, dass ich den Menschen auch etwas hierlassen kann“, sagt sie. Deswegen erzählt sie von ihrem Glauben an Gott. Sie berichtet von ihrem Vertrauen in dunklen Stunden, dass Gott für sie sorgen werde. Sie erzählt von den vollen Kirchen in ihrer Heimat und von dem Eindruck, dass die Menschen in Deutschland vielleicht so wohlhabend und versorgt seien, dass sie sich einfach nicht mehr an Gott wenden. „Bei uns bleibt dir nichts anderes übrig. Er ist unsere Zuflucht“, sagt sie – und dieses Mal klingt sie ganz ernst.
Erste Predigt im Internet übersetzt
Ihren ersten eigenen Gottesdienst in Roetgen hatte Claudette Williams schon im Oktober gehalten. „Ich habe die Predigt auf meiner Muttersprache geschrieben und dann vom Internet übersetzen lassen“, erzählt sie. Und weil sie nicht sicher war, ob die automatische Übersetzung auch verlässlich ist, bat sie die jungen Frauen in ihrem Team um Unterstützung und ums Gegenlesen. Sie predigte über die Speisung der Fünftausend. Über fünf Brote und zwei Fische. Ob während der Predigt auch gelacht wurde? Claudette Williams prustet gut gelaunt los: „Natürlich“, sagt sie dann, „natürlich wurde gelacht.“
