Düsseldorf/Wesel. „Eine Kirche der Reformation baut um Gottes und der Menschen willen keine Trutzburgen, sondern Schutzburgen. Sie schafft Orte, wo bange Menschen Gemeinschaft erfahren und denen, die Zuflucht suchen, ein Schutzraum gewährt wird“, so Pfarrerin Antje Menn, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, in ihrer Predigt zum Reformationstag .
Im Gottesdienst am Samstag, 31. Oktober 2026, 19 Uhr , im Weseler Willibrordi-Dom beschäftigt sich Vizepräses Antje Menn mit Martin Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Das bekannte Lied war im Preußen des 19. Jahrhunderts längst zu einem Kampf- und Triumphgesang stilisiert worden. Zu Zeiten des Nationalsozialismus besangen dann „die sogenannten Deutschen Christen und andere braun begeisterte Protestant*innen mit diesem Lutherchoral das Tausendjährige Reich. Auf Straßen, Plätzen und Schlachtfeldern war es längst gegen seinen reformatorischen Ursprung nationalistisch und militaristisch vereinnahmt und politisiert worden“, so die Theologin. Doch Psalm 46 , der Luther als Vorlage gedient hat, meine ganz etwas anderes.
Ein Trostpsalm angesichts von Gewalt und Bedrohung
„Einen Trostpsalm nennt Luther ihn, der uns lehren kann, wie in und trotz Zeiten von Leid und Scheußlichkeiten zu hoffen und zu leben ist“, erklärt Antje Menn: „Dramatische Panoramen realer Gewalterfahrungen malt der Psalm vor Augen. Er schildert ungeheuerlich wütende Naturgewalten: wütende Meere, die Sturmfluten hervorbringen, einfallende Berge und deren Beben.“ Der Psalm nenne Bedrohung, Krieg und Kampf. Dies sei auch auf unsere Zeit übertragbar: „Klimakrise, Kriegsgebiete, KI – die Welt droht aus den Fugen zu geraten; auch heute, nicht nur weit weg, sondern mitten unter uns. Das weckt Angst. Irgendwann könnte die Zerstörung, könnten die Krisen nicht mehr zu beherrschen sein.“
Die Gretchenfrage am Reformationstag 2026
Der Psalmbeter setze aber nicht auf menschliche „Wehr und Waffen“, sondern er glaube an den Gottes Israels: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in großen Nöten. Der Gott Jakobs ist unser Schutz. Der Stammvater Jakob stehe in der jüdischen Tradition für den Menschen, dem angst und bange wird, den Gott aber beschützt und ihm nahe ist. Der 46. Psalm beschreibe zudem, dass Gott sichere Orte bietet, Krieg beendet und Frieden schafft, erklärt die Vizepräses. Der Psalm fordere Christ*innen auf, „den Gott Israels als unseren Gott zu bekennen und all unser Vertrauen in ihn zu setzen. Da ist sie, die Gretchenfrage am Reformationstag 2026: Wie halte ich‘s mit dem Glauben? Was macht ihn für mich in seiner evangelischen Prägung aus? Wie beziehe ich ihn auf die gegenwärtigen persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen?“ Im Licht des 46. Psalms gehört für Vizepräses Menn auch dies zu den Antworten: „Eine Kirche der Reformation ist keine triumphierende Kirche. Sie feiert nicht sich selbst und ihre tollen Taten. Sie feiert Gott, auf den allein sie gründet und der allein ihre Zukunft ist. Sie feiert den Gott Jakobs, der die sieht, denen bange ist, der Schutzraum denen ist, die Zuflucht suchen.“
Stichwort: Reformationstag
Am 31. Oktober begehen evangelische Christ*innen den Reformationstag. Er erinnert an den Thesenanschlag von Martin Luther (1483-1546) im Jahr 1517 als dem Beginn der Reformation. Luthers Kritik am Ablasshandel und seine Thesen führten zu einer kirchlichen Erneuerungsbewegung und zur Bildung der evangelischen Konfession.
